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Julius Patzak zum 30. Todestag

Einer der wenigen Tenöre im deutschen Sprachraum, der gleichermaßen  bedeutend war im lyrischen und  jugendlich-dramatischen Opernrepertoire, in Operetten- und populären Liedern, daneben auch als Lieder- und Oratoriensänger war der am 9.4.1898 in Wien geborene Julius Patzak. Er war  zudem nahezu der einzige seiner Generation, dem es gelang, praktisch nahtlos seine Karriere nach dem 2. Weltkrieg weiterzuführen.

Patzak war das Gegenteil des sprichwörtlichen „dummen Tenors“. Im  Gegenteil, er war musikalisch hoch gebildet durch ein  Studium der Kontrapunktik, der Komposition und des Dirigierens u.a. bei Eusebius Mandicsewsky und Franz Schmidt. Er wollte zunächst Dirigent werden und leitete  als junger Mann Aufführungen an Varieté- und Operettenbühnen und an der Wiener Urania. Aus finanziellen Gründen sang er gleichzeitig in Wiener Heurigenlokalen, wodurch sich auch seine Liebe zum später noch  gepflegten  Wiener Lied erklärt. Noch als Amateursänger fiel er als Solist beim Wiener Schubert-Bund auf, erhielt gute Presseberichte und eine Einladung von Karl Rankl, dem Leiter des Theaters in Reichenberg  in  Böhmen. Am 3.4.1926 gab Patzak dort sein Debüt als Radames, ohne je eine Gesangsstunde gehabt zu haben. Nach einer Saison in Reichenberg, einer weiteren in Brünn wurde Patzak bereits von Baron Franckenstein nach München verpflichtet. Zuvor hatte Patzak bereits in Wien gastiert, als er für den indisponierten Slezak am 3.4.1928 als Radames einsprang. Der Wiener Operndirektor Franz Schalk bedauerte später, Patzak hiernach  nicht gleich engagiert zu haben.

In München hatte sich Patzak zunächst am 14.10.1927 als Richard im  Maskenball, danach noch als Belmonte vorgestellt, und  trat dann im Sommer 1928 sein Engagement an. Seine erste Rolle war der Fenton in den Lustigen Weibern von Windsor. München verfügte seinerzeit neben Patzak über  die Tenöre Rudolf  Gerlach-Rusnak und Fritz Krauss für die lyrischen und jugendlich-dramatischen Partien, die auch Patzak sukzessive übernahm, und über Julius Pölzer für das schwere Heldenfach. Patzak war aber unter  diesen Tenören der eigentliche Nachfolger von Karl Erb, sowohl in den Mozartpartien, als auch in der Verkörperung des Palestrina, zu dessen bedeutendstem Interpreten Patzak nach dem Uraufführungssänger Erb wurde, und auch in der Gestaltung der Evangelisten in den großen Bach-Passionen.

München blieb Patzaks künstlerische Heimat bis zum Kriegsende, zunächst unter dem GMD Hans Knappertsbusch, ab 1937 unter der künstlerischen Gesamtleitung von Clemens Krauss. Patzak sang in dieser Zeit in 1050 Aufführungen ein breites Repertoire, das neben den dominierenden Partien der  vier Hauptwerke Mozarts und dem Palestrina u.a. Des Grieux von Massenet und Puccini, Linkerton, Turiddu, Hoffmann, Loge, Narraboth, Hans in Verkaufte Braut, später auch Florestan, Lohengrin und Max im Freischütz ,  dazu auch die Oprettenrollen Eisenstein, Barinkay und Adam im Vogelhändler umfasste. Eine von ihm häufiger gesungene Partie ausgefalleneren  Repertoires war der Babinsky in Schwanda der Dudelsackpfeifer. Patzak  war auch an den Uraufführungen von Pfitzners „Das Herz“ (1931), Strauss „Friedenstag“ (1938) und Orffs „Der Mond“ (1939) beteiligt.

Über Patzaks Faust sagte sein Bühnenpartner Ludwig Weber: „Der Unterschied zwischen Jadlowker und Patzak ist, dass Jadlowker ein C hat, es aber nicht singt, während Patzak keins hat, es aber singt.“

Bereits am 1. Januar 1946 war Patzak wieder auf der Bühne, jetzt in seiner Heimatstadt Wien als Florestan. In Wien verzeichnet die Chronik zwischen 1946 und 1961 36 Rollen mit 465 Aufführungen. Seine häufigsten Partien in Wien waren: Tamino (53), Hoffmann (47), Palestrina (31), Don Ottavio  (29), Belmonte (25), auch hier dominierten also noch die Mozartrollen. Am 22.1.1961 stand Patzak letztmals als Herodes auf der Bühne der Wiener Staatsoper.

Der dritte zentrale Ort in Patzaks Karriere neben München und Wien war Salzburg. Hier trat er erstmals 1938 in einer Mozart-Messe auf und war danach bis 1953 fast in jeder Festspielsaison dabei, 1943 als Tamino, 1945 direkt nach Kriegsschluß als Belmonte, 1947 als Desmoulins in der Uraufführung von Dantons Tod von Gottfried von Einem und als Elemer in Arabella, 1948 bis 1950 als Florestan unter Furtwängler, 1948 im Zaubertrank von Frank Martin, 1949 als Titus, 1950 als Chorus im Raub der  Lucrezia von Britten, dazu in vielen Konzerten namentlich geistlicher Werke. 1961 und 1962 gestaltete er hier noch den Spielansager im Jedermann.

Gastspiele führten Patzak an die großen (und auch kleineren) deutschen Bühnen (Berlin, Dresden), nach Brüssel, Paris und London. Am Londoner Covent Garden sang er bereits 1938 den Tamino, 1947 im Rahmen eines Gastspiels der Wiener Staatsoper Florestan und Herodes, 1951 und 1952 nochmals Florestan und 1954 Hoffmann in englischer Sprache. Beim Edinburgh Festival wirkte er im Lied von der Erde (mit Kathleen Ferrier unter Bruno Walter) und in den Liebesliederwalzern von Brahms mit. Am Ende seiner Laufbahn gastierte er noch gelegentlich als Florestan, als Palestrina oder als Evangelimann (dies im Münchner Gärtnerplatztheater, eine Fernsehproduktion soll auch existieren).

In Wien erhielt Patzak 1948 eine Professur an der Musikakademie, in den  sechziger Jahren unterrichtete er, der selbst keinerlei Gesangsunterricht gehabt hatte, am Salzburger Mozarteum.

Einen gleichermaßen breiten Raum wie die Bühnentätigkeit nahmen bei Patzak  die auftritte in Konzerten, namentlich der  großen Chorwerke, und Liederabende ein. Am Ende seiner Karriere trat er sogar gelegentlich als Dirigent auf (Aufnahme der Haffner-Serenade bei Concert Hall). Patzak war ein profilierter Interpret des Evangelisten in Bachs Passionen und im Buch mit den sieben Siegeln seines Lehrers Franz Schmidt (hierin 66 Auftritte!), sang in den Requien von Verdi und Mozart, den Messen von Mozart und Beethoven, dem Messias, der Schöpfung und den Jahreszeiten, Beethovens 9. Sinfonie und Christus am Ölberge, dem Tedeum von Bruckner und der Eichendorff-Kantate von Pfitzner sowie Mahlers Lied von der Erde. In seinen Liederabenden, häufig mit Michael Raucheisen, gelegentlich auch mit Pfitzner und mindestens für den Funk auch mit R. Strauss als Begleiter, bot Patzak ein breites Repertoire, das auch Randbereiche wie die Lieder von  Robert Franz, den Krämerspiegel von Strauss und das Heitere Herbarium von Salmhofer umfasste. Glücklicherweise ist vieles davon auch der einen oder anderen Form als Aufnahme dokumentiert worden.

Ulrich Dahmen