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Kritik in Fono Forum März/2004 (Autor: Kurt Malisch)

Neues Forum für historische Sänger

Das neue Label MDV CLASSICS basiert auf dem reichen Fundus des Hamburger Archivs für Gesangskunst, das bisher schon per Internet-Vertrieb auf Bestellung gebrannt hat. Nun werden ausgesuchte Aufnahmen erstmals in professioneller Fertigung publiziert.

Die erste Serie von zehn Titeln bietet Querschnitte mit Sängern verschiedener Nationalitäten und Gesangsschulen: italienische (Ferruccio Tagliavini, Gino Bechi), französische (Léopold Simoneau, Ninon Vallin, André D’Arkor), spanische (Antonio Cortis), deutsche (Sigrid Onégin, Elisabeth Rethberg) und englische ( Florence Easton, Alfred Piccaver). Im Klangbild sind die Aufnahmen  durchaus mit dem Standard des  im historischen Sängerbereich führenden Labels Preiser zu vergleichen. Die Stimmen sind authentisch und präsent abgebildet, Nebengeräusche auf ein hörverträgliches Maß begrenzt.

Zwei der zehn CDs sind insofern von besonderem Interesse, als derzeit auf dem deutschen Markt keine Recitals dieser Sänger angeboten werden: Florence Easton und Ninon Vallin. Als universellste Sängerin nach der großen Lilli Lehmann ist die Britin Florence Easton (1884 - 1955) gerühmt worden. In der Tat würde man heute drei Soprane benötigen, um das Repertoire zu bewältigen, mit dem Sie auf ihrem Recital zu hören ist: Siegfried-Brünnhilde  und Violetta, Tosca und Marguérite, Nedda und Snegurotschka. Möglich war ihr eine solche Tour de force nur durch ihre exzellente Technik, ihr strikt kontrolliertes Singen. Durch Fokussierung des Klangs und  Kompriemierung ihrer konsequent schlank geführten Stimme konnte sie ihren eigentlich jugendlich-dramatischen Sopran zu durchdringender Intensität und enormer Traqgfähigkeit steigern.

Ninin Vallin (1886 - 1961) war zwischen den beiden Weltkriegen die bedeutendste französische Sängerin. Ihre aritokratische Zurückhaltung und ihre Sensibilität des Vortrags haben ihr zu Recht den Beinamen Princesse du Chant eingetragen. Vallin war eine Inkarnation speziell französischen Stils. Im Grunde ein lyrischer Sopran, erlaubten ihr dennoch Breite und Homogenität ihres Stimmumfangs, neben angestammten Partienwie Leila, Figaro-Gräfin, Marguérite, Manon mit ebensolcher Perfektion Rollen für Mezzosopran zu übernehmen.

Ein Zeitgenosse von Vallin war der Belgier André D’Arkor (1901 - 1971), ein Tenor von solch edler Timbrequalität und subtiler, eleganter Phrasierungskultur, wie man ihn heute im französischen  Sprachraum vergebens sucht.  D’Arkor war nicht nur ein feiner Stilist, der seinen Vortrag mit exquisiten Mezzavoce-Tönen zu schmücken verstand; er gebot ebenso über einen blitzschnellen Stimmansatz und eine enorm extensionsfähige, leuchtkräftige Höhe.  Exemplarisch zeigt er dieses Können in Arien aus Boieldieus La dame blanche.

Für die lyrischen Partien D’Arkors, dem durch auch Rollen des Lirico-spinto-Fachs offenstanden, kann man Léopold Simoneau (geb. 1916) als Nachfolger bezeichnen. Er teilt mit dem Belgier die stilistische Eleganz und Nuanciertheit des Vortrags, die Mezzavoce- und Pianokultur sowie die Schönheit, Reinhet und Makellosigkeit des Timbres. Außer in frazösischen Partien ist der Tenor hier in einigen lyrischen italienischen Rollen zu hören, dabei auch in Duetten mit seiner Frau , der Sopranistin Pierrette Alarie.

Ein erstklassiger Vertreter des lyrischen Tenorfachs war Ferruccio Tagliavini (1913-1995). Auch Tagliavini war von der Natur verschwenderisch mit tenoralem Wohllaut ausgestattet. Sein  sinnliches, honigsüßes Timbre wurde immer wieder mit seinem Vorgänger Benjamino Gigli verglichen. Wie kaum ein Tenor seiner Generation vermochte er Phrasen, Worte, Töne sich auf der Zunge zergehen lassen und förmlich abzuschmecken - allerdings neigte er bisweilen zur Übertreibung dieser Effekte.

Hang zum stimmlichen Narzissmus muss sich auch Taglivinis gleichaltriger Baritonkollege und Landsmann Gino Bechi (1913-1993) nachsagen lassen. Bei ihm äußerten sich solche Eitelkeiten im schier exhibitionistischen Zrschaustellen seiner gewaltigen Fortereserven. Allerdings wäre man heute froh über einen Verdi-Bariton seines Kalibers und Formats. Ausschließlich mit Verdi-Arien und -szenen, zeigt sich Bechi auf diesem Recital von seiner besten Seite. Vor allem in der direkten Konfrontation mit dem Tenorpartner Giacomo Lauri-Volpi werden aus den Duetten der beiden ebenbürtigen Sänger stimmlicher Duelle von vibrierender Spannung.

Eine Fortsezung der Reihe um zunächst fünf weitere Titel ist für Frühjahr 2004* eingeplant.

Kurt Malisch

 

*Anmerkung der Redation: die Veröffentlichung dieser fünf Titel ist auf September 2004 verschoben worden.