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Arie antiche
Im Jahre 1885 publizierte Alessandro Parisotti den ersten von 3 Bänden mit 30 „Arie antiche“, dem auf Grund des Erfolges noch zwei weitere Bände folgen sollten.
Insgesamt hat
Parisotti 100 Arien, Ariettes oder Kantaten von 45 Komponisten von der Spätrenaissance bis zum Spätbarock zur Veröffentlichung ausgesucht. Darunter befinden sich einige sehr bekannte Komponisten wie Gluck, Händel, Monteverdi, Pergolesi, A. Scarlatti und Vivaldi, etliche weniger bekannte und einige gänzlich unbekannte. Mit seiner Sammlung von „Arie antiche“ wollte Parisotti die alte Vokalmusik, die den „belcanto“ Gesangsstil begründet hatte, vor der Vergessenheit retten. Dies ist ihm gelungen, einige seiner „Arie antiche“ sind nicht nur Pflichtprogramm für Gesangsstudenten, sondern erfreuen sich auch bei berühmten Sängern einer gewissen Beliebtheit (Caruso, Beniamino Gigli, Tito Schipa, Ezio Pinza, Erna Berger, Tito Gobbi, Ferruccio Tagliavini, Gérard Souzay, usw.) Inzwischen gibt es etliche Recital-Platten, die fast ausschließlich den „Arie antiche“ gewidmet sind, (Carlo Bergonzi, Richard Tucker, Renato Bruson, Renata Tebaldi, Montserrat Caballé, Teresa Berganza, Janet Baker, Cecilia Bartoli, Ramon Vargas, Dmitri Hvorostovsky, Maria Bayo, David Daniels, Alfredo Kraus, Luciano Pavarotti, usw.). Wegen der großen Beliebtheit gibt es heute wesentlich mehr Barockarien mit italienischem Text, die als „Arie antiche“ firmieren, z.B. von Händel „Ombra mai fù“ oder von A. Scarlatti „Chi vuole innamorarsi“ und „Le violette: Rugiadose, odorose“ oder „Nina: Tre giorni son che Nina“ von Legrenzio Vincenzo Ciampi.
Unsere Auswahl beginnt gleich mit einem Hit, und das im doppelten Sinne. Nicht nur ist „Amarilli“ von Caccini das am häufigsten von allen Arie antiche
eingespielte Stück, Beniamino Gigli
(1890-1957; italienischer Tenor) singt es auch mit delikater Phrasierung, wie mit dem Silberstift gezeichnet. Giglis Stimme war von unbeschreiblichem Klangzauber, von einem verführerischen Schmelz und einer samtenen Weichheit, manche nennen sie die „Honigstimme“ des 20. Jahrhunderts.
Eine Ausnahmestimme besaß auch die britische Altistin Kathleen Ferrier
(1912-1953). Ihre Stimme war klangvoll und samtig-weich, ihr Vortrag nuancen- und empfindungsreich, viele Zeitzeugen nannten ihre Interpretationen beseelt. In der vorliegenden Aufnahme gestaltet sie die Klage der verlassenen Ariadne aus Monteverdis Kantate „
Arianna“ mit majestätischer Größe und erschütternder Eindringlichkeit.
Bei Hermann Jadlowker
(1877-1953; jüdischer Tenor aus Riga) wird besonders die technische Brillanz gerühmt, die ihn vielleicht zum größten aller Tenor-Virtuosen machte. Er war ein Meister des verzierten Gesangs, bildete vollkommene Triller selbst in heikel-hohen Lagen und glänzte mit kunstvollen Falsett-Tönen. Seine agile Stimme eignet sich ideal für die Verzierungen von „
Vittoria, vittoria, mio core !“ von Carissimi.
Die französiche Sopranistin Ninon Vallin
(1886-1961) besaß eine kristallklare helle Stimme, die auch in der Höhe nie schrill oder spitz wurde. Ihre Diktion zeichnete sich durch Genauigkeit und Plastizität aus, ihre Technik war makellos. Wir hören von ihr:
„Intorno all'idol mio spirate pur, spirate” von Cesti.
Der süditalienische Tenore di grazia Tito Schipa
(1889-1965) war einer der musikalischsten Sänger, der mit außerordentlicher Eleganz und Noblesse phrasierte, mit feinsten Nuancen große Wirkungen erzielte, dabei in der Wortdeutlichkeit unübertroffen blieb. »Obwohl viele vortreffliche Tenöre seit dem Tode Carusos sangen, die ein größeres Stimmpotential besessen haben als Tito Schipa, so haben wir uns doch alle vor seiner Größe beugen müssen.« sagte Beniamino Gigli über Tito Schipa. Wenn es um das „Belcanto-Repertoire“ geht, dann darf Tito Schipa auf keinen Fall fehlen. Wir hören als Beispiel von Schipas Phrasierungskunst die Arie von A. Scarlatti: „
Sento nel core“.
Die aus England stammende Sopranistin Florence Easton
(1882-1955) hatte ein umfangreiches und vielseitiges Repertoire, das 88 Partien umfasste und von der Carmen bis zur Brünnhilde reichte. Sie gehört zu den Sängerinnen, die heute zu Unrecht wenig bekannt sind. Leider entstand die vorliegende Aufnahme von A. Scarlatti: „
Già il sole dal Gange“ erst 1939, als die Sängerin 57 Jahre alt war und ihren stimmlichen Höhepunkt überschritten hatte.
Der rumänische lyrische Tenor Petre Munteanu
(1919-1988) zeichnete sich neben der vollkommenen Beherrschung des italienischen Belcanto-Repertoires auch als Mozart-Interpret, Oratorien- und Liedersänger aus. Hier singt er mit delikater Phrasierung und stimmprächtig von A. Scarlatti: „
Se Florindo è fedele”.
Der Italiener Ezio Pinza
(1892-1957) verfügte über eine warm timbrierte, sehr modulationsfähige Baßstimme von größter Ausdruckskraft. Allein an der Metropolitan Oper sang er 51 verschiedene Partien in 833 Vorstellungen. Während seiner Karriere trat er über 200-mal als Don Giovanni auf. Wir hören ihn in der 1940 entstandenen Aufnahme von A. Scarlatti: „
Chi vuole innamorarsi“.
Der französische Bariton Gérard Souzay
(1918-2004) stand in Deutschland jahrzehntelang im Schatten Fischer-Dieskaus. Er war der führende französische Liedsänger seiner Zeit und hat ein reiches Erbe an eindrucksvollen Aufnahmen hinterlassen, die gegenwärtig eine Renaissance erleben. Wir hören einen Ausnahmesänger, der über eine samtene, warm timbrierte ausdrucksvolle Stimme verfügte, die er im Liedgesang mit besonderer Musikalität einsetzte. Hören Sie als Beispiele das suggestive „
Vergin, tutto amor, o madre di bontà“ von Durante und von A. Scarlatti „O cessate di piagarmi, o lasciatemi morir!”
Der französische Bariton Charles Panzéra
(1896-1976) ist ebenfalls ein Liedinterpret der Sonderklasse, bereits eine Generation vor Souzay. Im Vortrag des impressionistischen französischen Liedrepertoires hat er Leistungen von größter Eindringlichkeit vollbracht, dabei kamen die Wärme und der Ausdrucksreichtum seiner Stimme vorteilhaft zur Geltung. Er singt uns von Antonio Caldara: „
Come raggio di sol”.
Der belgische Sopran Suzanne Danco
(1911-2000) verfügte über eine eher instrumental geführte makellose Stimme, die vor allem in Mozartpartien und französischen Opern sehr geschätzt wurde. Als Beispiel haben wir ausgewählt: „
Danza, danza fanciulla gentile“ von Francesco Durante.
Nun kommen wir zu einem außergewöhnlichen italienischen Tenor – Giuseppe Anselmi (1876-1929), der über eine der
schönsten Tenorstimmen seiner Zeit verfügte, vollendet in der Beherrschung der Gesangstechnik wie in der subtilen Nuancierung des Ausdrucks. Dazu wirkte er auf der Bühne durch die Eleganz seiner Erscheinung und durch sein glanzvolles Bühnenspiel. Seine besten Leistungen erreichte er in den klassischen Belcanto-Partien. Hören Sie ihn in “
Consolati ! e spera !” von Domenico Scarlatti.
Über den neapolitanischen Tenor Enrico Caruso
(1873-1921) muß nichts mehr gesagt werden. Seine dunkel timbrierte Stimme strömt leicht und elegant dahin wie flüssiges Gold, so natürlich und unangestrengt, wie es nur den größten Sängern vergönnt ist. Er zeigt uns seine besonderen Fähigkeiten am Beispiel von Händels: „
Frondi tenere ... Ombra mai fù di vegetabile”.
Neben Enrico Caruso galt der irische Tenor John McCormack
(1884-1945) als der bedeutendste Tenor seiner Zeit. Seine technisch perfekt geführte Stimme war von exquisiter Klangschönheit, vollendet in der Phrasierung und der Subtilität ihrer Ausdruckskunst.
Überzeugen Sie sich am Beispiel von Händels Arie aus Atalanta „Care selve, ombre beate“ (hier in englisch gesungen „Come, my beloved to the sylvan gloom), wie er die
heiklen Passagen scheinbar mühelos und mit „Fülle des Wohllauts“ delikat phrasiert.
Der französische Tenor Georges Thill
(1897-1984) hätte in Deutschland durchaus mehr Beachtung verdient. Er war der bedeutendste französische Tenor seiner Epoche; seine Stimme zeichnete sich durch Ausdruckskraft und Glanz ihres Timbres aus. Er singt von Benedetto Marcello: “
Quella fiamma che m'accende”.
Kyra Vayne
(1916-2001) wurde in St. Petersburg geboren, sie entstammt einer ehemals adeligen Familie aus Danzig. Ihre Stimme darf als prachtvoller dramatischer Koloratursopran mit Mezzofarben bezeichnet werden. Kyra Vaynes Gesangskunst gebot über viele Fähigkeiten, welche der Gesangsschule der Belcanto-Ära zugehören, etwa die völlig nahtlos verbundenen Stimmregister oder das fast magische Pianissimo, das sie auch bei höchsten Tönen erreichte. Unser Beispiel “
O del mio dolce ardor bramato oggetto” ist aus Christoph Willibald Glucks Oper »Paride ed Elena« entnommen.
Der in Rumänien geborene jüdische Tenor Joseph Schmidt
(1904-1942) hat im Laufe seines kurzen Lebens eine steile Karriere als Rundfunk- und Schallplattensänger und singender Filmschauspieler gemacht. Wegen seiner geringen Körpergröße von ca. 1,56 m war ihm eine Opernlaufbahn damals verwehrt. Aber er besaß eine außergewöhnlich schöne lyrische Tenorstimme mit einem charakteristischen Timbre und der „Träne in der Stimme“. Die Stimme war nicht groß, verfügte aber über eine enorme Höhe, und dank seines nuancenreichen und ausdrucksschönen Vortrages wurden viele Schallplatten aufgenommen, die höchste Bewunderung verdienen. Bereits 1933 mußte er als Jude Deutschland verlassen. Sie können sich am Beispiel der auf deutsch gesungenen Arie „
Tre giorni son che Nina“ (Drei Tage schon ruht Nina) von Vincenzo L. Ciampi (früher Pergolesi zugeschrieben) von der Belcanto-Technik und Stimmpracht Joseph Schmidts
überzeugen.
Die in Barcelona geborene Conchita Supervia
(1895-1936) ist ebenfalls nicht alt geworden. Ihre Altstimme war von einmaliger Schönheit und dank ihrer virtuosen Gesangstechnik war sie befähigt, die enormen technischen Schwierigkeiten ihrer Koloratur-Contralto-Rollen mühelos und makellos zu meistern, im Vortrag sich bis zu dramatischer Leidenschaftlichkeit steigernd. Ihre aparte, typisch spanische Erscheinung auf der Bühne und ihr charmantes, temperamentvolles Spieltalent ergänzten glücklich die Qualität ihrer Stimme. Vielleicht kommt die Arie über die Zigeunerin ihrem Temperament und Können besonders entgegen: „
Chi vuol la zingarella“ von Giovanni Paisiello.
Die aus der Nähe von Danzig geborene Sopranistin Erna Berger
(1900-1990) war ein Phänomen. Sie war die bedeutendste deutsche Koloratursopranistin ihrer Generation, ihre Stimme war ein glockenreiner jugendlicher Sopran, sie gebot über eine stupende Technik, gepaart mit sicheren musikalischen Geschmack. Sie bewahrte sich ihr jugendliches Timbre bis ins Alter und gab mit 60 Jahren noch einen Liederabend {bei Orfeo erhältlich}, der viele jüngere Kolleginnen neidisch machen könnte. Wie man ihrer Autobiographie entnehmen kann, gehörten Arie antiche regelmäßig zum Programm ihrer Liederabende. Wir haben für Sie ausgewählt: “
Nel cor più non mi sento” von Giovanni Paisiello. Die Arie war zur Zeit Beethovens so populär, daß dieser Klaviervariationen über das Thema schrieb.
Miguel Villabella
(1892-1954) im nordspanisch-baskischen Bilbao geboren, hatte den Schwerpunkt seines künstlerischen Wirkens in Paris in den Jahren 1928-1940. Seine glanzvolle und ausdrucksstarke lyrische Tenorstimme prädestinierte in für Rollen in Opern von Rameau, Lully, Mozart, Rossini, Thomas, Delibes, Massenet, Gounod, Puccini usw. Er hatte eine strahlende Höhe (bis zum D), eine feine voix mixte, elegante Phrasierung und eine makellose Technik, z.B. sang er perfekte Fiorituren ohne Aspirationen. Wir hören ihn in Johann Paul Martinis einzigem “Hit”, nämlich “
Plaisir d'amour”.
Der jüdische Bariton Joseph Schwarz
(1880-1926) stammt ebenfalls (wie Jadlowker) aus Riga. 1909 wurde er an die Wiener Hofoper verpflichtet, seit 1915 war er Mitglied der Berliner Hofoper. Die farbige Pracht und die dramatische Kraft seines Baritons sowie eine phantastische Bühnenpräsenz brachten ihn zu Gastspielen nach Chicago und zur Met. Für den Bariton Heinrich Schlusnus, der nach dem frühen Tod von Joseph Schwarz sein Nachfolger an der Berliner Hofoper wurde, war Schwarz ein bewundertes Vorbild. Als Arie haben wir das auch bei kirchlichen Zeremonien seinerzeit sehr beliebte “
Caro mio ben” von Giuseppe Giordani gewählt.
Hina Spani
(1896-1969) wurde in der Nähe von Buenos Aires (Argentinien) geboren. Ihre Stimme war ein dunkel gefärbter Sopran von subtilster Ausdrucksfähigkeit und ungewöhnlichem Stilgefühl; sie wurde namentlich in Partien von Puccini bewundert. Auf dieser CD singt sie eine Arie, die Alessandro Parisotti, der ja die Arie antiche herausgegeben hat, unter der vermeintlichen Autorenschaft Pergolesis in die Anthologie eingeschmuggelt hat: “
Se tu m'ami, se sospiri”.
Zum Abschluß hören wir noch ein entzückendes “Echo-Duett”, gesungen von der französischen Sopranistin Germaine Lubin (1890-1979) und dem bereits gewürdigten
Gérard Souzay. Lubin ging als der französische Wagner-Sopran in die Gesangsgeschichte ein. Durch die Dichte und Tonfülle ihrer Stimme und durch die Ausdruckskraft
ihres Vortrages gehörte sie zu den größten hochdramatischen Sopranstimmen ihrer Epoche. Unser Musikbeispiel ist die Canzonetta con l'eco: “Per valli, per boschi” von
Felice Blangini, die u.a. auch noch von Cherubini und Donizetti vertont wurde.
Peter Ackermann
Arientexte können über den Verfasser bestellt werden
Kontakt über petrus.agricola@freenet.de
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